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Anionenlücke berechnen — Metabolische Azidose verstehen

21. April 2026·8 min Lesezeit

Die Anionenlücke (AG) ist ein einfach berechenbarer Parameter aus dem Blutbild, der hilft, die Ursache einer metabolischen Azidose systematisch einzugrenzen. Sie gehört zu den wichtigsten Werkzeugen in der klinischen Notfall- und Intensivmedizin.

In diesem Artikel erklärt du, wie die Anionenlücke berechnet wird, was die Normwerte bedeuten, wann eine Albumin-Korrektur notwendig ist und welche Erkrankungen hinter einer erhöhten Anionenlücke stecken können.

Die Formel

Die Anionenlücke ergibt sich aus der Differenz zwischen dem gemessenen Kation Natrium und den gemessenen Anionen Chlorid und Bikarbonat:

AG = Na⁺ − (Cl⁻ + HCO₃⁻)

Der Referenzbereich liegt bei 8–12 mEq/L (ohne Kalium). Die „Lücke" entsteht, weil im Serum nicht alle Anionen standardmäßig gemessen werden — Albumin, Phosphat und andere tragen zur Ladungsneutralität bei.

AnionenlückeEinordnung
< 8 mEq/LNiedrig
8 – 12 mEq/LNormal
13 – 20 mEq/LLeicht erhöht
> 20 mEq/LHoch — High-AG-Azidose

Warum Albumin-Korrektur?

Albumin ist das wichtigste „unmessbare Anion" im Serum. Bei Hypoalbuminämie (z.B. bei Lebererkrankung, Malnutrition, kritisch kranken Patienten) fällt die Anionenlücke falsch niedrig aus — eine High-AG-Azidose kann dadurch übersehen werden.

Korrigierte AG = AG + 2,5 × (4,0 − Albumin [g/dL])

Ein Patient mit Albumin 2,0 g/dL und AG 10 mEq/L hat eine korrigierte AG von 10 + 2,5 × (4,0 − 2,0) = 15 mEq/L — also eine leicht erhöhte Anionenlücke trotz scheinbar normalem Ausgangswert.

High-AG-Azidose: MUDPILES

Eine Anionenlücke über 20 mEq/L weist auf eine High-AG-metabolische Azidose hin. Das Akronym MUDPILES hilft, die wichtigsten Ursachen zu erinnern:

BuchstabeUrsache
MMethanol
UUrämie
DDiabetische Ketoazidose (DKA)
PPropylenglykol
IEisen (Iron) / Isoniazid
LLaktatazidose
EEthylenglykol
SSalicylate (Acetylsalicylsäure)

Niedrige Anionenlücke

Eine AG unter 8 mEq/L ist seltener, aber klinisch relevant. Häufige Ursachen:

  • Hypoalbuminämie — häufigste Ursache einer niedrigen Anionenlücke
  • Hyperchlorämie — z.B. durch Kochsalzinfusion oder Hyperchlorämische Azidose
  • Bromid-Intoxikation — Bromid wird als Chlorid gemessen
  • Lithiumtherapie — Lithium ist ein Kation, das die AG senkt

Zusammenhang mit anderen Labortests

Die Anionenlücke ist Teil einer umfassenderen Stoffwechselanalyse. Verwandte Laborparameter:

  • GFR (Glomeruläre Filtrationsrate) — Nierenfunktion ist entscheidend für Urämie und renale Azidose. Berechne deinen GFR-Wert.
  • HbA1c — Langzeitblutzucker zur Beurteilung einer diabetischen Entgleisung. Zum HbA1c-Konverter.
  • Blutzucker — Glukose ist zentral für die Diagnose einer DKA. Zum Blutzucker-Umrechner.

Anionenlücke jetzt berechnen

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Zum Anionenlücken-Rechner →

Häufige Fragen

Warum wird Kalium bei der Anionenlücke oft weggelassen?

Die klassische Formel AG = Na − (Cl + HCO₃) lässt Kalium weg, da dessen Konzentration im Vergleich zu Natrium sehr gering ist. Einige Formeln addieren Kalium zu Natrium, was den Normbereich leicht nach oben verschiebt (auf 10–14 mEq/L). Im klinischen Alltag wird meist die Formel ohne Kalium verwendet.

Kann ich die Anionenlücke ohne Blutgasanalyse berechnen?

Ja. Natrium und Chlorid stammen aus der Serum-Elektrolytbestimmung, Bikarbonat (HCO₃⁻) aus der Blutgasanalyse oder als Serumbikarbonat aus dem Routinelabor. Werte aus verschiedenen Abnahmezeitpunkten sollten nicht kombiniert werden.

Gilt der Normbereich für alle Patienten?

Der Normbereich von 8–12 mEq/L gilt bei normalen Albuminwerten. Bei Hypoalbuminämie muss immer die korrigierte Anionenlücke berechnet werden, da sonst eine High-AG-Azidose übersehen werden kann.